Die Moräne
Wie lange würden Sie im Juli um die Mittagszeit in diesem Steilhang an der prallen Sonne aushalten?
Text: Céline Vuitton und Mirko D’inverno, Feldbotaniker
Wie lange würden Sie im Juli um die Mittags-zeit in diesem Steilhang an der prallen Sonne aushalten? Sie sind in der glücklichen Lage, Schatten zu finden und den Dorfbrunnen aufsuchen zu können. Die Pflanzen zu Ihren Füssen jedoch sind verwurzelt! Dennoch beschweren sie sich nicht. Hier gibt es einige Arten, welche sich bestens der Hitze und Trockenheit anpassen, die Xerophyten.
Ihre Anpassungsfähigkeit ist ernorm: Metamorphose der Blätter, eine wachsartige Schicht, eingesenkte Spaltöffnungen und eine dicke Cuticula für kleinstmögliche Verdunstung, tiefe Wurzelsysteme, Speicherung von Wasser,…
Ein Beispiel: die Weisse Fetthenne (Sedum album) mit ihren kleinen ovalen und dicken Blättern gedeiht auf Felsen. Sie gehört zur Familie der Dickblattgewächse, wie auch die Dachhauswurz (Sempervivum tectorum), dadurch dass sie Wasser in ihren Blättern spieren, verdicken sich diese. Ihre Wurzeln haben eine Saugkraft, die das 15-fache des Atmosphärendrucks übersteigt!
Unterschiedlicher pH-Boden
Trockene Bodengebiete entstehen auf Morä-nen, die sich nach Gletscherrückgängen bilden. Moränen sind die Gesamtheit des von einem Gletscher transportierten Materials, im Speziellen die Schuttablagerungen, die von Gletschern bei ihrer Bewegung mitbewegt oder aufgehäuft werden. Hier handelt es sich um Silikatgestein (pH-Wert sauer), doch an der Oberfläche kann der Boden kalksteinhaltige Stellen enthalten (pH-Wert neutral-basisch). Der Beweis wird erbracht durch die Anwesenheit von der Gewöhnlichen Berberitze (Berberis vulgaris) und dem Blauen Lattich (Lactuca perennis) mit seinen wunderschönen bläulich-rosa Blütenköpfen. Hingegen zeugt das Gedeihen des Gemeinen Wermut (Artemisia absinthium), berühmte Zutat für den Absinth (die grüne Fee), mit seinen langzettlichen und bläulich-grünen Blätter, von Silikatagesteinsstellen mit mehr Säuregehalt.
Pflanzenparasiten
Halten Sie Ausschau nach langen roten Ständeln, welche Thymian oder Hülsenfrüchte umwinden. Bei diesen handelt es sich um Quen-del-Seide (Cuscuta epithymum). Sie gehört zu den Vollschmarozer (Holoparasiten). Diese parasitische Blütenpflanzen sind in ihrer Ernährung völlig von ihren Wirtspflanzen abhängig. Mit Hilfe von speziellen Saugorganen dringen sie in die Leitungsbahnen ihrer Wirte ein, um diesen alle lebenswichtigen Stoffe (Wasser, Mineralien, Zucker als Energiequelle) zu entnehmen. Kein Chlorophyll mehr nötig für die Fotosynthese! Dies ist aber nicht der Fall des Zottigen Klappertopfs (Rhinantus alectorolo-phus), der oben zu sehen ist. Dieser ist noch grün, ein Zeichen dafür, dass er seinen eigenen Zucker herstellt, ergänzend bezieht er aber Wasser und Nährstoffe aus den Wurzeln ver-schiedener Süssgräser und krautiger Pflanzen. Er gehört zu den Halbparasiten.
Karg und ausgetrocknet, mit unterschiedli-chem pH-Wert und stark der Sonne ausgesetzt, handelt es sich um schwieriges und abwechslungsreiches Gelände. Keine Art kann eine andere übermässig dominieren. So finden viele Blumenpflanzen ihren Platz. Ihr reichhaltiger Nektar zieht zahlreiche Insekten an. Die Biodiversität eines solchen Angebotes ist ausgesprochen vielfältig und fragil. Zu ihrer Beibehaltung ist es zum Beispiel gut, hier Ziegen anstelle von Kühen weiden zu lassen.







