Um die heutige Landwirtschaft im Val d’Anniviers verstehen zu können, müssen wir erst einen Blick auf das einstige Leben der Bergbauern werfen.
Die Moräne beim alten Schiessstand befindet sich zwischen zwei Tälern, auf der schattigeren Seite wurde das Dorf erbaut. Im Süden gibt es in der Landschaft noch viele Spuren des alten agropastoralen Systems. Um die einstige Nutzung des Territoriums erkennen zu können, müssen wir uns zuerst die Landschaft ohne Strassen vorstellen. Zu jener Zeit war man zu Fuss unterwegs oder ritt auf einem Maultier. Die Fahrstraße kam erst 1912 bis ins Dorf, und 1957 bis Zinal. Des weiteren war Eigentum aufgeteilt und die Anteile, durch Erbschaft und Heirat, bestimmten die landwirtschaftlichen Flächen. Die Einheimischen betrieben unermüdlich mit ihren Tieren die Wanderweidewirtschaft.
Da die Möglichkeit zur Futterlagerung bei einem zentralen Bauernhof nicht gegeben war, besass jedes Grundstück eine Stallscheune, die Tiere wurden hierher geführt, um das gelagerte Heu zu fressen oder um auf den dortigen Weiden zu grasen. Danach gingen Mensch und Tier weiter zum nächsten Ort.
Der Hauptort musste zentral im landwirtschaftlichen Gebiet liegen, in der Nähe eines Bachs und seiner Quellen, aber ohne viel Sonenschein zu benötigen. Damit mehr Acker-land zur Verfügung stand, wurde dicht gebaut, nur engen Gassen trennten die Bau-werke aus Lärchenholz. Das gleich daneben liegende Land wurde für den Gemüseanbau genutzt. Im Garten wurden Produkte ange-pflanzt, welche am meisten Unterhalt und Wasser benötigten. Die Verarbeitungs- und La-gerungsinfrastrukturen, Mühle, Backhäuschen und Getreidespeicher befinden sich im Dorf, die Felder in unmittelbarer Nähe.
Auf den am meisten der Sonne ausge-setzten, aber schwierig zu bewässernden Hänge wurde Getreide, Weizen, Gerste und hauptsächlich Roggen angebaut. Niedrige Mauern hielten die Erde zurück und grenzten die Grundstücke ab. Die Wiesen bis zur oberen Waldgrenze wurden gemäht, Juni bis September verbrachten die Herden auf der Alp, die Schafe, Ziegen und Maultiere verweilten zusammen auf den kargen Weiden. Der einstige Bergbauer nutzte alle landwirtschaftlichen Bereiche bis zum alpinen Gebiet.
Ab dem 15. Jahrhundert kauften Annivarden Weinberge rund um die Stadt Siders, um Weinbau zu betreiben. Sie erbauten Dörfer, welche sie gelegentlich bewohnten; das sind die alten Quartiere in der aktuellen Stadt, und erweiterten ihre ständige Wanderweidewirtschaft um eine neue Etape. Fahrstrassen und Rückgang der Landwirtschaft führten zu einer Veränderung der einheimischen Prioritäten. Damit ihre Bemühungen Früchte trugen, onzentrierten sich die Bergbauern jetzt auf die besten Grundstücke, und die Wälder gerieten immer mehr ins Hintertreffen.